Schreibprojekt: Helle Schatten

Schreibprojekt: Helle Schatten

 

Kapitel 1

Thana:

Wind trieb durch die Bäume des Waldes und wirbelte zu Boden gefallene Blätter auf. Die lebhaften Farben des Herbstes schienen mich hämisch zu belächeln, während in dunkle Roben gehüllte Gestalten mich unermüdlich zwangen weiterzugehen. Alle 5 Minuten ungefähr schlug mir der Wächter, der hinter mir ging, mit seiner lästigen Gerte auf meinen Rücken, begründet mit der Antwort, dass ich zu langsam gelaufen wäre. Weniger der Schmerz des Schlages, als vielmehr das schrille Lachen, das danach folgte, quälte mich und entfachte glühende Wut in mir. Nicht nur gegenüber den Wächtern, sondern auch gegenüber der Anführerin, die ihnen diesen Auftrag gegeben hatte. Ich blieb abrupt stehen und erntete mir dafür einen bösen Blick von dem Wächter rechts von mir. Gespielt keuchend rief ich aus: «Ich brauch dringend eine Pause und etwas zu trinken, sonst gehe ich keinen Schritt mehr von hier!» und setzte eine trotzige Miene auf. «Deine Pause kannst du haben, Schätzchen, wenn du erst am Galgen hängst und wenn du nicht von selbst kommst, dann ziehen wir dich an deinen Haaren weiter!» Lautes Getöse der übrigen Wächter folgte. Erschöpft setzte ich mich wieder in Bewegung. Den Rest des Weges schwieg ich und konzentrierte mich auf den Waldweg vor mir. In unserer Hauptstadt Khan angekommen, auch “Stadt der Dunklen“ genannt, führten sie mich über den grossen Marktplatz Richtung Herrscherpalast. Dieses war das einzige zweistöckige Gebäude, das unser Clan gebaut hatte. Zu Ehren unserer Anführerin war es in schwarzen Marmor gekleidet und besass einen zentralen Innenhof, der von einem Säulengang umrundet wurde. Die Fassade war schwarz gestrichen worden, wobei die Farbe aber durch die immerwährende Verwitterung allmählich abblätterte. Wir betraten den Palast durch den Haupteingang und landeten in einem riesigen Empfangssaal. Ehrfürchtig schaute ich mich um. Bis jetzt war ich erst einmal in diesem imposanten Gebäude gewesen; als Baby. Die Eltern jedes Neugeborenen in unserer Gemeinschaft werden wenige Monate nach der Geburt ihres Kindes hierher eingeladen. Die Anführerin höchstpersönlich gibt dem Kind einen Namen und macht ihm ein Brandmal des Zeichens für die Dunkelheit. Nachdenklich berührte ich den runden Kreis mit dem Raben darin auf der Unterseite meines Handgelenks. Die Namen haben meistens eine direkte oder indirekte Verbindung zu dunklen Naturerscheinungen. So heisst meine Mutter zum Beispiel Umbra. Das heisst Schatten auf Lateinisch. Bei meiner Namensgebung musste die Anführerin offenbar überaus gut gelaunt gewesen sein. Wieso sonst sollte sie ein Kleinkind Thana nennen, vom altgriechischen Wort «Thanatos» für Tod.

Über eine riesige Marmortreppe gelangten wir in den oberen Stock. Alte Holzdielen quietschten, als wir einen langen Gang entlanggingen und schlussendlich rechts des Korridors ein kleines Zimmer betraten. Als erstes erblickte ich die Anführerin. Wie die meisten Menschen in unserem Clan, hatte sie langes rabenschwarzes Haar, karamellfarbene Haut und dunkelbraune Augen. Sie trug ein bodenlanges, enganliegendes Kleid aus rotem Samt. Die Farbe war schon etwas verblasst und der Stoff hatte mehrere Löcher und war von einer feinen Staubschicht umhüllt. Wenn man ihr auf der Strasse begegnen würde, würde man sie wahrscheinlich kaum von anderen Frauen unterscheiden können, hätte sie nicht das markante Tattoo auf ihrem Gesicht, das sie als Anführerin kennzeichnete. Es stellte Efeuranken dar, die sich von ihren Wangen bis zu ihrer Stirn hochschlängelten und sich dort ineinander verhakten. Nachdenklich begutachtete sie mich: “Hallo Thana. Schön dich zu sehen.“ Ich war mir dessen nicht ganz sicher. Ohne die Wachen eines Blickes zu würdigen, befahl sie ihnen, sich zurückzuziehen. Ich versuchte, so gelassen wie möglich auszusehen und mich innerlich ein wenig zu entspannen. “Ich dachte mir immer, eine Exekution fände öffentlich auf dem Marktplatz statt. Damit auch das Volk seinen Spass daran hat.“ So kurz vor meinem Tod kam ich nicht umhin, mir eine sarkastische Bemerkung zu erlauben. “Hast du wirklich gedacht oder vielmehr gehofft, ich würde dich jetzt gleich umbringen?“ Sie lachte höhnisch auf und ich verspürte einen bitteren, ätzenden Geschmack in meinem Mund. “Dann liegst du meilenweit daneben. Ich werde nichts weiter tun, als dich mehrere Wochen in einem Verlies tief unter der Erde gefangen zuhalten. Neben der Folter und dem Hungern wirst du noch ganz andere Schmerzen erleiden müssen. Glaub mir ruhig. Tiere, wie du und ich sie noch nie zuvor gesehen haben, werden da unten auf dich warten und dich genüsslich nach und nach verspeisen. Die schrillen Schreie deiner Vorgänger hallten bis in mein Gemach. Drei Wochen hat der Stärkste von ihnen überlebt.“ Sie machte eine kurze Pause. “Exekution ist sowas von veraltet, findest du nicht auch?“ Ich war mir ziemlich sicher, dass dies eine rhetorische Frage war, deshalb entschied ich mich dafür, keine Antwort zu geben. Die Anführerin drehte sich einmal im Kreis und trat schliesslich zu mir heran. Nun standen wir, meines Erachtens, viel zu nahe beieinander. Ich konnte schon fast ihren Atem riechen. Lange Zeit starrte sie mir in die Augen. Obwohl das sicherlich keine besonders gute Idee war, die Anführerin zu provozieren, starrte ich bissig zurück und lächelte dabei. Ich war und blieb bis zum bitteren Ende ein rebellisches Geschöpf und konnte rein gar nichts dagegen unternehmen. Erst meine Art der Problemlösung, vielleicht aber auch mein Charakter, brachten mich hierher in diese missliche Lage. Doch nun war es zu spät, sich zu hintersinnen. Ich musste mir einfach eingestehen, dass ich beim Schmuggeln erwischt wurde. Ich hatte mehrere handgefertigte und sehr kostbare Schwerter und Dolche gegen Medizin und Essen auf dem Schwarzmarkt getauscht. Unsere Regeln sind hart, genauso unsere Wachen und die Anführerin. Schmuggel ist das schlimmste Verbrechen und wird als Verrat gegenüber unserer Anführerin und dem Clan betrachtet. Es ist schlimmer als Mord und Geldbetrug. Fakt ist, dass Mord bei uns als ehrenhafte Tat angesehen wird, solange man einen guten Grund dafür hatte. Als sie mich erwischten, war also klar: Strafe: Tod. Vollführung: Auf jede erdenkliche und nicht erdenkliche Art, die möglichst grausam ist. Wie um Höllens Willen konnte ich nur glauben, dass es Exekution sein würde?

Die Anführerin blinzelte einmal und sagte nach dieser eher unangenehmen Stille: “Ich habe einen sehr interessanten Deal für dich.“ Während dessen begann sie, in einem Kreis um mich herumzuschreiten. Ruckartig drehte ich den Kopf zu ihr herum. “Du wirst zu meiner Spionin und ich bezahle dich dafür mit deinem Leben.“ Ich war mir nicht sicher, ob ich das richtig verstanden hatte. “Ich weiss, dass du Kontakte zu den Ausgestossenen hast. Gute Kontakte.“ bemerkte sie. “Ich habe einmal mit ihnen gehandelt, das stimmt. Aber mehr nicht.“ konterte ich. “Lüg mich nicht an. In diesem Raum gibt es nichts, dass ich mehr schätze als Wahrheit. Du bist sehr naiv, denn ich habe mehr Kontrolle über mein Volk, als du dir denken kannst. Wir haben dich lange Zeit beobachtet. Zuerst warst du relativ brav und hast nur mit Dunkeln illegal gehandelt. Seit einigen Monaten aber hast du mit Verstossenen Geschäfte getrieben. Ich bin beeindruckt, wie oft du meinen Männern entwischt bist. Kein anderer wäre annähernd so gut geschaffen fürs Spionieren wie du.“ Ich wusste nicht recht was sagen, da sie mich ehrlich gesagt ein bisschen überwältigt hatte. “Ich würde in ihren Dienst treten, wenn sie mich dafür anständig bezahlen. Also was springt dabei für mich heraus?“ “Ist dir dein Leben keine anständige Bezahlung genug?“ zischte sie mich an. “Von mir aus können Sie mich töten. Aber was bringt Ihnen das? Sie haben selbst gesagt, ich wäre für diesen Job optimal zu gebrauchen.“ “Versuche ja nicht mich, die Anführerin, zu erpressen.“ An ihre Worte erinnernd, sagte ich: “Darf man Tatsachen denn nicht mehr aussprechen? Ich dachte Sie schätzen Wahrheit so?“ Wütend funkelte sie mich an. “Na gut, ich könnte dir Medizin für deine kranke Mutter anbieten und Essen für deine Geschwister besorgen.“ Misstrauisch sah ich sie an. Konnte es wirklich so einfach sein? Einige Minuten blieb es still und ich wusste nicht, ob sie etwas von mir erwartete. “Keine Antwort fasse ich als Nein auf.“ Eiskalt drehte sie sich um, öffnete schwungvoll die Türe und trat auf den Flur. “Wachen, führt sie ab!“ Ich hörte, wie sich Schritte entfernten. Überrascht über ihre extremen Stimmungsschwankungen blieb ich stehen. Konnte die Anführerin tatsächlich ihre Meinung so schnell ändern? Ich rannte in den Flur und sah die Anführerin gerade noch um die Ecke gehen. “Warten Sie! Ich habe mich entschieden den Deal anzunehmen; ich werde für Sie die Ausgestossenen observieren!“ Sie drehte sich ruckartig um und kam in meine Richtung zurück. “Wusste ich doch, dass du den Deal nicht ausschlagen wirst! Ich habe ein Zimmer für dich bereitmachen lassen. Die Wachen werden dich dorthin bringen. Wir sehen uns dann morgen wieder.“ “Gezwungenermassen!“ rief ich ihr schrill hinterher.

Astron:

Ich sank langsam auf mein altes quietschendes Bett. Ich liess meinen Blick noch ein letztes Mal durch mein jetzt ehemaliges Zimmer schweifen. Der Schreibtisch, auf dem nur noch ein paar Skizzen lagen, sah merkwürdig leer aus. Sonst hatte dort immer totale Unordnung geherrscht, sodass ich nie etwas gefunden hatte. Das abgesessene Sofa vor dem Panoramafenster, wo immer meine Gitarre oder Bücher drauf gelegen waren. Das Regal, das jetzt ebenfalls ganz leer war und indem hunderte Bücher unordentlich ihren Platz hatten. Dann noch der Schrank aus Eichenholz, der auch ganz alt aussah. Und zum Schluss blieb mein Blick am Spiegel haben, der schon irgendwie immer schon dort gewesen war. Mir blickte ein dürrer Junge mit hellblonden Haaren entgegen.

„Astron? Kommst du?“, holte mich eine Stimme zurück in die Realität. Die Stimme gehörte meiner Mutter, die vor der Tür im Wagen schon auf mich wartete. Ich seufzte und verliess das Zimmer, nicht ohne noch einen letzten Blick zurückzuwerfen. Ich lief den kurzen Korridor entlang, der zum Wohnzimmer und auch zur Tür führte. Mein Blick fiel noch auf eine Zeitung, die vergessen auf dem Esstisch lag. Also packte ich sie und las die Schlagzeile: ‚Morgen ist die Hochzeit von Sol und Gaia!‘ Das war so etwa das Thema, das auf jeder Zeitung stand, worüber jeder sprach und im Moment das einzige war, das die Hellen interessierte. Ich drückte die Türklinke herunter und sah meine Mutter von dem weissen Van, der uns durch die Stadt zum Palast fahren würde. Unser altes Haus war etwa eine halbe Stunde vom Stadtzentrum entfernt, wo unser neues Zuhause war. Das Haus, das immer für mich mein wahres zuhause blieben würde, lag im fünften Kreis. Das war der äusserste Kreis mit den schlechtesten Häusern, Schulen und Arbeitsplätzen. Aber es war auch am billigsten. Mom und ich hatten keine finanziellen Probleme, wenn wir im fünften Kreis lebten, aber für uns war es trotzdem unmöglich in einen besseren zu ziehen. Doch als ich angefangen hatte zu arbeiten vor einem Jahr, hatten wir uns sogar überlegt dieses Jahr in den vierten Kreis zu ziehen, aber daraus wurde nun auch nie etwas. Denn jetzt hatte sich sowieso alles geändert.

„Da bist du ja endlich! Steigen wir ein, wir sind sowieso schon zu spät.“ Sie ergriff gerade die Autoklinke als sie in der Bewegung inne hielt. Sie sah mich an und kam auf mich zu, denn ich hatte mich immer noch nicht bewegt. „Was ist los, Schatz?“, fragte sie mich sanft und strich mir über den Arm. „Du weisst, ich habe unser Leben bis jetzt echt gemocht. Und wenn wir jetzt ausziehen, wird es definitiv für immer vergangen sein.“, sagte ich mit einem schlechten Gewissen. Meine Mutter hatte so viel für mich riskiert (und tut es immer noch) und jetzt würde ich das für sie machen. Nein, das war ich ihr schuldig. Bevor sie etwas antworten konnte, wandte ich mich ab, ging zum Auto und stieg hinten ein. Ich liess die Zeitung auf den Sitz neben mir fallen und schnallte mich an. Erst jetzt stieg auch meine Mutter ein und meinte zum Fahrer: „Sie können losfahren.“

Ich lehnte meinen Kopf gegen die Scheibe und sah hinaus. Wir fuhren gerade an Lucs Haus vorbei, das nur zwei Strassen entfernt war. Luc war mein bester Freund und ich hoffte er würde es auch immer bleiben. Wir waren schon gemeinsam im Kindergarten gewesen und so hatte es sich weiter gezogen. Ich hatte ihn wirklich fast jeden Tag gesehen und so entsteht irgendwann eine dicke Freundschaft. Dann vorbei an Koras Haus. Ich konnte kaum an sie denken ohne Schmerz zu spüren. Wir waren zweieinhalb Jahre zusammen gewesen und sie war die süsseste Freundin gewesen, die man sich vorstellen konnte. Ich war unglaublich in sie verliebt gewesen und bin es eigentlich immer noch. Solche Gefühle verschwanden nie schnell. Dann vor drei Wochen stand sie am Abend vor unserer Haustür und hatte Schluss gemacht. Als Erklärung hatte sie völlig aufgelöst mir gesagt, dass sie das nicht könne, wenn ich jetzt ein „Prinz“ war und sie völlig überfordert wäre. Sie hatte so fest geweint, dass ich sie fast nicht verstanden hatte. Dann war sie weggerannt, bevor ich irgendetwas sagen konnte. Welche Ironie des Schicksals: Weil meine Mutter ihre grosse Liebe gefunden hatte, hatte ich meine verloren. Doch was mich am meisten verletzt hatte, war, dass ich sie zwei Tage später gesehen habe, wie sie jemand anderen abknutschte. Ich schüttelte meinen Kopf und versuchte die Gedanken an Kora zu verdrängen. Ich sah, dass wir inzwischen im vierten Kreis angekommen waren. Die Häuser sahen schon ein bisschen neuer und moderner aus. Die Zeitung neben mir sprang mir ins Auge und ich griff danach. Vielleicht hatte es ja doch noch neue Meldungen. Ich blätterte die ersten sieben Seiten durch, die über die Hochzeit schrieben. Dann stockte ich bei der achten Seite. Mein Blick fiel auf zwei Bilder von mir. Auf dem einen lachte ich breit in die Kamera und sah wirklich fröhlich aus. Das Foto wurde etwa vor einem halben Jahr von Kora aufgenommen, als ich noch glücklich mit ihr in einer Beziehung war. Auf dem Anderen lief ich gerade über die Strasse, mit dem Rucksack über der Schulter und mit meiner Arbeitskleidung. Es sah so aus als wäre ein Fotograf im Gebüsch gesessen und hätte mich heimlich fotografiert. Ziemlich gruselig. Dann bemerkte ich die Schlagzeile. „Astron – Badboy oder Sonnenschein?“, stand da. Was war das denn bitte für eine Schlagzeile? Neugierig fing ich an zu lesen:

 Langsam wissen wir es alle: Astron, der Sohn von Gaia, wird ebenfalls ein besseres Leben Im innersten Kreis anfangen. Doch wer genau ist er? Wir wissen bereits, dass er im fünften Kreis lebte und den haben wir alle nicht wirklich gut in Erinnerung. Unser Team ist dorthin gefahren und hat Leute getroffen, die ihn kennen. Sie haben uns Auskunft gegeben. Lesen sie weiter, wenn sie Genaueres wissen wollen.

Julian, ein alter Schulkollege von ihm sagte: „Astron? Ja klar kenn ich den. Ist früher mit mir in die Schule gegangen. Mhmm, sagen wir mal so, eigentlich war er immer ein ganz netter Junge, der Bücher lieber mag als Menschen. Nein Scherz“, lachte er. Dann plapperte er weiter, dass er wirklich nett und hilfsbereit wäre. Doch uns hat es gewundert, ob dieser perfekte Sohn, wie „sich ihn jede Mutter wünscht“ auch schlechte Seiten hat. Bei dieser Frage zögerte er, doch schliesslich rückte er mit der Sprache raus: „Naja als Teenager hatte er mal eine schlechte Phase…sogar wir wissen nicht, was mit ihm dort los war. Er hat tagelang geschwänzt, dann als er wieder kam, war er wie ein anderer Mensch; hat jeden angeschnauzt, der etwas von ihm wollte, hat keine Rücksicht genommen, hat sich geprügelt…

 Ich biss die Zähne aufeinander und hob den Blick. Wenn noch mehr solches Zeug drin stand wollte ich gar nicht wissen, was die Leser von mir halten würden. Über das, was Julian erzählt hatte, sprach ich wirklich nicht gerne… Ich faltete die Zeitung wieder zusammen, denn die Lust zum Lesen war mir vergangen. Also blickte ich wieder aus dem Fenster. Wir waren im dritten Kreis angekommen. Die Häuser sahen nun alle geputzt und gepflegt aus. Sie hatten sicher mindestens alle drei Stockwerke und glänzten um die Wette. Wir hielten an einer Ampel an und mein Blick fiel auf ein Plakat, das zwischen all den weissen Hochhäusern fehl am Platz aussah. Denn es war schwarz. Vollkommen schwarz auf dem nur zwei weisse Wörter standen: 100 Jahre. Nur diese zwei Wörter und alle wussten um was es sich handelte. Diese Geschichte wurde jedem Kind als Erste erzählt; die Geschichte vom Dunklen und vom Hellen Volk. Ja, wir waren nicht das einzige Volk hier. Genau genommen gab es noch zwei andere. Hier im Hellen Volk war alles, wie der Name schon sagte, hell. Wir hatten helle Augen, helle Haare, einfach alles war hell. Im Dunklen Volk war es genau das Gegenteil. Und dann gab es noch die Verstossenen. Sie waren eine Mischung, also hatten zum Beispiel helle Haare und dunkle Augen. Sie wurden verstossen, weil sie in keinem der beiden Völker mehr toleriert wurden. Denn sie hatten etwas an sich, was zum anderen Volk gehörte. Deswegen war dieses schwarze Plakat, das einzig Dunkle, das man in unserer Stadt finden konnte. Die Ampel wechselte auf grün und der Fahrer fuhr jetzt durch einen grossen Torbogen. Also waren wir jetzt im innersten Kreis. Die Hochhäuser ersteckten sich nun hoch in den Himmel, so dass man das Ende fast nicht mehr sehen könnte. Nur etwa fünf Reihen später bogen wir scharf ab, dass wir nicht durch den Haupteingang in den Palast hineinspazieren müssten. Zwei Minuten später standen wir vor dem gewaltigen Gebäude, das nun mein neues Zuhause war.

Thana:

Von einem Knurren, oder vielmehr einem Schnurren wurde ich aus dem Schlaf gerissen. Verwirrt schaute ich mich nach dem Ursprung dieses merkwürdigen Geräusches um und merkte dabei, dass ich nicht in meinem, mir bekannten Zimmer geschlafen hatte. Ich fragte mich, wie ich hierhin gekommen war. Wohl nicht von Zauberhand. Nach und nach tauchten Erinnerungen an den gestrigen Abend auf. Ich erinnerte mich daran, wie die Wächter mich wiederum den Flur hinabgeführt hatten und mir ein vorbereitetes Gästezimmer zuwiesen, wie ich mir müde die Kleider abgezogen und gegen das schwarze Nachthemd getauscht hatte, das auf dem Bett bereitgelegen hatte. In diesem Bett lag ich nun. Es war ein riesiges Himmelbett, indem mindestens fünf Personen nebeneinander hätten schlafen können. Die Bettwäsche und die Vorhänge, die zugezogen waren, waren dunkelgrau und sahen schon leicht abgenutzt aus. Ich setzte mich auf und schlüpfte in die Pantoffeln, die am Boden lagen. Daneben sass eine schwarze Katze, die ihre Krallen an dem Vorhang wetzte und dabei schnurrte. Es war eine eigenartige Vorstellung, dass die Anführerin eine Katze in ihrem Palast duldete. In unserem Clan ass man höchstens Katzen. Wenigstens wusste ich nun, woher oder vielmehr von wem die Geräusche kamen. Langsam strich ich über das Fell der Katze und kraulte sie unter ihrem Kopf, da sie das besonders zu geniessen schien. Dabei entdeckte ich eine widerliche, abartig grosse Zecke, die sich gierig an seinen Wirten klammerte. Sofort zog ich meine Hand zurück und verzog angewidert das Gesicht. Ich stiess mich von dem Bett fort und durchquerte den Raum. Auf einer Kommode aus dunklem Eschenholz erblickte ich einen ordentlich aufeinander gestapelten Haufen Kleider. Darunter befanden sich Unterwäsche, Socken, eine schwarze Lederhose, ein graues Tank-Top und eine schwarze Perlenkette. Da diese Kleidungsstücke genau meine Grösse waren, nahm ich an, dass sie für mich bestimmt waren. Nachdem ich im Badezimmer nebenan geduscht hatte, zog ich mich um. Unsicher, wohin ich gehen sollte, trat ich auf den Flur hinaus. Das Betreten des Korridors kam mir wie ein Déjà-vu vor. Ich hatte diese Situation schon einmal oder zweimal Gestern erlebt und bis jetzt hatte mir dieser Flur stetig Überraschungen bereitet. Auch dieses Mal wurde ich nicht enttäuscht. Kaum hatte ich die Türe geöffnet, sah ich einen hochgewachsenen – ich musste zugeben -, sehr attraktiven Jungen, der lässig an der gegenüberliegenden Wand anlehnte und auf mich zu warten schien. Erstaunt blieb ich stehen und starrte ihn intensiv an. Ich konnte mich ja später noch für diese Situation genug schämen. Er hatte dunkle, gelockte Haare, die ihm bis auf die Schulter fielen und unnatürlich blaue Augen. Kaum jemand im Volk der Dunklen hatte nicht braune Augen. Ich hatte früher einmal ein Mädchen mit blauen Augen namens Caela gekannt. Sie wohnte zusammen mit ihrer Familie in dem Nachbarshaus rechts von uns. Ich erinnerte mich daran, zusammen mit ihr in den Kindergarten gegangen zu sein. Wir hatten immer absichtlich auf dem Nachhauseweg getrödelt und die Zeit mit Beobachten von Schmetterlingen auf einer Waldlichtung verbracht. Dort hatten wir beschlossen, beste Freundinnen zu sein und legten als Zeichen dafür uns gegenseitig Armbänder aus Gräsern und Wildblumen um. Damals hatte ich mich nicht besonders für ihre Augenfarbe oder ihre Andersheit interessiert, für mich war sie ein Mädchen im Clan der Dunklen wie alle anderen. Mit den Jahren veränderten sich ihre Augen aber und hellten stark auf. Anfangs waren sie dunkelblau gewesen und sahen aus wie die Farbe des Ozeanes bei Sturm. In der Primarklasse wurde sie von gemeinen Mitschülern für ihre inzwischen Türkis gewordenen Augen aufgezogen und als Helle beschimpft. Eines Tages kam eine Gruppe von Wächtern in unsere Strasse marschiert und klopfte laut an unserer Nachbarstür. Noch an diesem Tag war Caela und ihre gesamte Familie abgeführt worden und seitdem hatten wir nie mehr von ihr oder ihrer Familie irgendetwas gehört.

Zurück in der Gegenwart erkannte ich verwundert, dass die Iris des merkwürdigen Jungens an einigen Stellen silbern schimmerten. Ich überflog die Konturen seines Gesichtes. Ich hatte noch nie eine so spitze Nase und ein kantiges Kinn bei jemandem gesehen und es als wirklich schön empfunden. Er grinste mich an und hob fragend eine Augenbraue. Ich errötete und löste meinen Blick nur schwer von seinem Gesicht. “Tenebra hat mir befohlen dich in den Speisesaal zu begleiten.“ Ich wunderte mich, dass dieser junge Mann die Anführerin mit ihrem Vornamen erwähnte. Es gab kein wirkliches Gesetz bei unserem Volk, dass dies verbot, aber aus Anstand lernten wir schon in der Schule, den Namen «die Anführerin» zu verwenden. Schweigend folgte ich ihm bis in einen grossen Raum im Erdgeschoss. Die Anführerin sass am Kopfende der langen Tafel in der Mitte des Raumes. Er setzte sich an ihre Seite und faltete gerade eine Stoffserviette auseinander und legte sie sich auf den Schoss. “Setz dich zu uns, liebe Thana und iss mit uns zu Frühstück.“ sagte die Anführerin und lächelte künstlich. “Wir werden nachher den genauen Plan deiner Mission durchgehen, also solltest du schnell eine Kleinigkeit essen.“ Die Tafel war bestückt mit Omeletten, gekochten Eiern, Spiegeleiern, Rühreiern, Brotscheiben, verschiedenen Marmeladen und unzähligen von geschnitten Früchten, wobei ich die Hälfte der Namen dieser exotischen Früchte nicht einmal kannte. Bei diesem Überfluss an Esswahren wollte ich schon ordentlich zulangen. Ich nahm mir mehrere Brotscheiben und alle Arten von Ei auf den Tellern. Der Junge schaute mich amüsiert an und sagte: “Isst du wirklich jeden Morgen so viel oder fängst du hier neue Sitten an?“ Kurz stoppte ich alles Mögliche in mich hineinzustopfen und antwortet wahrheitsgemäss: “Wie denkst du soll ich jemals so viel zu Hause essen? Meine Familie hat kaum genug um alle zu sättigen. Aber nur wenige gewöhnliche Dunkle haben die Möglichkeit im Palast zu frühstücken, da muss ich das schon ordentlich geniessen, vor allem in so angenehmer Gesellschaft der Anführerin und ihrem …..“ “Ihrem Sohn. Aber nenn mich Corve.“ vollendete der Schönling meinen Satz, der eine Frage versteckt hatte. Überrascht schnappte ich nach Luft. Ich hatte noch nie von einem Sohn der Anführerin gehört. Niemand vom Volk wusste davon. “Dann bist du wohl ein Prinz oder so was?“ fragte ich. “So kann man es wohl nennen, ja.“

Astron:

Sonnenstrahlen liessen das Hochzeitskleid meiner Mutter funkeln, als sie aus der Kirche schritt. Die Designer hatten sich viel Mühe gegeben, sodass sogar ich zugeben musste, dass sie wunderschön aussah. Hunderte orange Rosen waren zu einem Oberteil zusammengewoben worden. An der Taille gingen die Rosen in leichte, rosafarbene Seide über. Als Symbol für ihren Aufstieg in der Gesellschaft trug sie glänzende Armreifen an ihren Handgelenken. Ihre Hand lag in der meines neuen Stiefvaters Sol. Ich lief direkt hinter ihnen  mit Clara und Lumen, meinen neuen Stiefgeschwister, an meiner Seite. Unten an der Treppe erwartete meine Mutter ein Sechsgespann aus Schimmeln. Die riesige Menschenmenge, die sich am Strassenrand gebildet hatte, jubelte und klatschte, als die beiden in die Kutsche hineinstiegen, die sie zum Palast bringen sollte. Hinter der Kutsche hielt ein Hofangestellter für mich ein Pferd bereit. Monate vor der eigentlichen Zeremonie hatte Mom mich gebeten Reitstunden zu nehmen. Und meiner Mutter zuliebe liess ich es fast kommentarlos über mich ergehen. Zur Feier des Tages schenkte mir Sol dieses Pferd. Ich war mir sicher, dass es Moms Idee war mir ein Pferd zu schenken, denn am liebsten hätte er mir sicher gar nichts geschenkt. Es war ja überhaupt nicht so, dass mein neuer Stiefvater der Anführer unseres Reiches war und mir eigentlich praktisch alles schenken könnte. Ich hatte es Fire genannt, da der Name an sein fuchsbraunes Fell erinnerte.

Mühsam schwang ich mich in den Sattel und versuchte möglichst nicht gleich auf der anderen Seite wieder runterzufallen. Hinter mir folgten etliche Gäste in ihren teuren Kutschen, ihre Diener und ihr Sicherheitspersonal. Hoffentlich machte ich nicht einen zu steifen und angespannten Eindruck. Ich setzte ein gespieltes Lächeln auf und versuchte das so natürlich wie möglich zu machen. Heute Morgen hatte ich einen schön gebügelten, beigen Anzug in meinem Zimmer gefunden, den ich jetzt trug. Dazu hatte ich mir eine weisse Krawatte umgebunden. Ich hoffte, dass ich diese Kleidung lange nicht wiedersehen würde.  Alle Veranstaltungen auf denen man einen Anzug tragen musste, waren wirklich nicht mein Ding. Doch leider wusste ich, dass das nicht der Fall sein würde. Meine blonden Haare waren aber so wild wie immer. Mom, Haarspray und Gel hatten alle daran nichts ändern können. Von allen Seiten hörte ich die Leute schreien: “Hoch lebe unser Anführer Sol und die neue Senatorin Gaia.“ Alle wollten einen Blick auf Mom erhaschen, die fröhlich aus der Kutsche winkte. Alle Augen waren auf das frohe Brautpaar gerichtet. Am Umzug nahmen alles nur bedeutende Gäste Teil (die nachher auch zum Festessen eingeladen waren. Clara und Lumen, die immer noch neben mir ritten, konnten auf jeden Fall besser reiten als ich und winkten dem Volk strahlend zu. Obwohl Clara erst elf Jahre alt war, wusste sie schon recht gut wie sich in solchen Momenten verhalten sollte. Auch Lumen, der­­–genau wie ich­–siebzehn Jahre alt war, machte einen wirklich eleganteren Eindruck als ich auf dem Pferd.

Ich sass nun sicher schon zehn Minuten auf dem Pferd und mein Hintern begann zu schmerzen. Doch zum Glück konnte ich schon den Palast sehen, der nur noch wenige Meter entfernt war.  Das riesige Gebäude war vollkommen aus Glas und ich wurde geblendet, da es die Herbstsonne wiederspiegelte. Der Palast beeindruckte mich immer noch so sehr, obwohl ich mich langsam an den Anlick gewöhnen musste. Das erste Mal als ich ihn sah, war ein paar Wochen nach meiner Geburt gewesen, denn alle Eltern mussten mit ihren Babys zum Palast gehen um vom Anführer persönlich getauft zu werden. Dieser suchte dann auch den Namen aus. Alle Namen in der hellen Stadt hatten eine Bedeutung, die meistens zu unserem Volk passte. Meiner bedeutete so viel wie Stern auf Altgriechisch. Das nächste Mal als ich den Palast gesehen hatte, war als ich vor einer Woche zusammen mit meiner Mutter für ein Abendessen eingeladen war. Dort hatte ich Sol endlich persönlich kennengelernt. Nicht dass ich unbedingt unseren Anführer kennenlernen wollte, vielmehr wollte ich dem Mann vorgestellt werden, der meine Mutter heiratete. Und das war eine Woche vor dem grossen Tag längst überfällig. Klar jemand wie der Anführer eines Reiches hatte sicher nicht viel freie Zeit. Also vollkommen verstehbar, da ich ihn nicht wirklich juckte. Dort hatte ich nicht nur meinen neuen Stiefvater kennengelernt, sondern auch meine neuen Stiefgeschwister Clara und Lumen. Clara mochte ich schon vom ersten Augenblick an. Sie war nicht so wie man sich eine verwöhnte Prinzessin vorstellte, vielmehr wie ein Kind aus normalen Verhältnissen. Als wir uns gegenseitig vorgestellt wurden, hatte sie schüchtern gelächelt und meine Hand vorsichtig geschüttelt. Auch während des Abendessens hatte sie mich oft angelächelt und ich hatte die starke Vermutung, dass sie mich die ganze Zeit angestarrt hatte. Doch das Gleiche konnte ich leider nicht von Lumen sagen. Als ich ihn zum ersten Mal sah, blickte er mich misstrauisch an. Als wir uns die Hände schütteln mussten, hat er fest gedrückt und ich bin seinem Beispiel gefolgt. Als Mom mir mal von ihm erzählt hatte, hatte sie gedacht, dass wir Freunde werden könnten, doch das war aus meiner (und sicherlich auch aus seiner) Sicht unmöglich, denn ER hatte alles an sich, was mich an einen verwöhnten Prinzen erinnerte. Er hatte seine Haare mit wahrscheinlich einem ganzen Topf Gel frisiert und blickte die ganze Zeit arrogant und erhaben in die Welt. Er kam ganz nach Sol. Auch heute war es nicht anders.

Die Tore zum Vorhof waren schon weit geöffnet und die Kutsche vor mir verlangsamte, also zog ich ebenfalls an den Zügeln meines Pferdes. Das Sechsgespann blieb nun endgültig vor der grossen Treppe stehen, die zum Eingang des Palastes hochführte. Zwei Wachmänner kamen zur Kutsche und öffneten die Tür. Der eine streckte meiner Mutter die Hand hin, um ihr beim Aussteigen zu helfen. Sol kam hinter ihr hervor und ergriff wieder ihre Hand. Ich hatte so gespannt zugesehen, dass ich fast meinen Einsatz verpasst hätte. Ich schwang mich von Fire hinab und stieg hinter Mom die Stufen hinauf. Clara und Lumen waren immer noch an meiner Seite. Nun konnte ich nicht mehr leugnen, dass viele mich beobachteten. Es lagen die Augen des ganzen Reichs auf uns fünfen, die inzwischen oben angekommen waren. Ich hatte mich an die Seite meiner Mutter gestellt, während meine Stiefgeschwister an der Seite von Sol standen. Sol rückte seine Fliege gerade, bevor er das Wort ergriff. „Mein Volk der Hellen. Männer, Frauen, Kinder und Alte; ihr habt mich heute alle sehr erfreut, indem ihr Teil dieses besonderen Tages seid. Heute ist Gaia endlich offiziell meine Frau.“

Seine Worte wurden von Lautsprechern verstärkt und waren jetzt in ganz Tumin zu hören. „Ich möchte ihr nun das Wort übergeben“, fügte er noch hinzu und erneut applaudierte die riesige Menschenmenge.

„Danke Sol“, sagte sie zu ihm gewandt und strahlte übers ganze Gesicht.

„Ihr lieben Leute, ich kann es noch gar nicht richtig fassen. Vor nicht allzu langer Zeit war ich eine von euch und stand ebenfalls dort unten. Jetzt stehe ich hier und darf unseren Anführer meinen Mann nennen. Ich hatte es nicht immer einfach in meinem Leben und ich denke, ich kann mich sehr gut in eure Probleme einfühlen. Deshalb verspreche ich euch, dass ich alles in meiner Macht stehende tun werde um denen zu helfen, die Hilfe brauchen.“

Sie wurde von einem erneuten Klatschen unterbrochen. Als sich die Menge wieder beruhigt hatte sprach sie weiter: „Ich freue mich auf die kommende Zeit, die ich an der Seite meines neuen Mannes verbringen kann, da ich von jetzt an im Palast mit meinem Sohn Astron leben werde und bin überglücklich, dass der gütige Sol meinem Sohn eine so tolle Karriere versprochen hat. Sol hat ihn zum künftigen Kriegsstratege gegen die Verstossenen ernannt. Ihr könnt euch wahrscheinlich gar nicht vorstellen wie stolz ich als Mutter auf ihn sein muss, denn er hat schon so viel für unser Volk getan.“ Hatte ich das? Das KSgV war zum Glück nichts Neues für mich, doch ich konnte mich immer noch nicht mit dem Gedanken anfreunden dort zu arbeiten. KSgV war die Abkürzung für `Kriegsstrategen gegen Verstossene`. Eines Tages hatte Mom mir mitgeteilt, dass Sol einen (in ihrer Sicht besseren) Job für mich hätte. Das war dann beschlossene Sache gewesen. Meine Meinung war ja sowieso unwichtig, es geht ja nur um meine Zukunft.

„Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit“, beendete sie ihre Rede. Ich lächelte immer noch und nahm den Lärm gar nicht mehr wahr. Nun endgültig wusste jeder, wer ich war. Ich wusste, ich würde niemals mehr normal meinen besten Freund Luc treffen können. Ich wusste, ich würde meine bisherige Arbeit, die ich eigentlich gemocht hatte, nie mehr wiedersehen. Ich wusste, dass ich niemals mehr durch die Strassen schlendern konnte, ohne dass alle mich anstarren oder aufhalten würden. Ich realisierte betrübt; heute war der Tag an dem sich alles änderte.


Kapitel 2

Thana:

Nachdem wir fertig gegessen hatten, räumten mehrere Diener den Tisch sauber ab, brachten auf Befehl Tenebras mehrere Pläne und breiteten diese auf dem Tisch aus. “Nun widmen wir uns dem Notwendigen, unserem Geschäft, liebe Thana.“ Wieder einmal musste ich mich zusammenreissen um bei den Worten der Anführerin nicht gleich los zu prusten. Ich fand Sprache der Anführerin übertrieben geschwollen. Mehrere Minuten machte sie mich mit den Karten auf dem Tisch bekannt und ging danach über, mir die eigentliche Mission und deren Zweck zu erklären.

“Wir haben nur wenig Zeit noch. Sobald du alles aufgefasst hast, werde ich dich für einige Stunden nach Hause schicken, damit du dich gebürtig von deinen Eltern verabschieden kannst, bevor du morgen die Mission antrittst. Aber nun zum Vorgehen: Du wirst deine Ansprechperson aus den Verstossenen nach einem weiteren Handel anfragen. Sobald du das erledigt hast wirst du einen persönlichen Besuch in dem Hauptquartier der Verstossenen anordnen und sie in ihren ekligen, muffigen Tunneln besuchen. Diese wirst du dann als Transportmittel zu den Hellen benutzen, als Verbindung.“ Tenebra redete in einem Tempo, dass einen Nähmaschine kaum mit ihr mitgehalten hätte und schien automatisch von mir zu erwarten, dass ich alles sofort verstand und jeden von ihren tausend Schritten für die Mission Dark, wie ich sie innerlich mit einem ironischen Unterton nannte, auswendig lernte. Bei ihrem letzten Satz stutzte ich. “Wieso sollte ich zu den Hellen hinüber, wenn ich doch die Verstossenen observieren soll?“ Beide, sowohl Tenebra als auch der Prinz, betrachteten mich verwirrt. Schlussendlich seufzte Tenebra und meinte gelassen: “Ach, das wollte ich dir ja noch mitteilen. Wir haben nicht die Absicht die Verstossenen zu observieren. Welchen Nutzen könnte ich daraus ziehen? Ich werde wohl kaum ein Volk, wenn man diese mitleidserregenden Personen überhaupt als solches bezeichnen kann, überwachen, nachdem ich diese so sorgfältig und mit äusserst viel Aufwand aus dem dunklen Reich entfernt habe.” Langsam schwirrte mein Kopf. Was wollte sie dann? Was wird sie sonst gefährliches, gar tödliches von mir verlangen? “Mein Wunsch ist es, das Reich der Hellen zu übernehmen. Jeder von uns weiss, dass Dunkle weit aus begabter sind zu regieren und das zweigeteilte Reich endlich wieder zu einen. Die Dunklen, wir, sind viel distanzierter, gefühlskälter, skrupelloser und klüger. Die Hellen äussern sich über uns abschätzig, dass wir kein Herz hätten. Totaler Unsinn, ohne Herz könnten wir nicht leben, aber wir werden von Kind auf erzogen, Entscheidungen mit dem Kopf zu treffen und nicht mit dem Herzen. Ich mache das auch im Interesse des hellen Volkes. Sol, ihr derzeitiger Anführer würde sie nur ins Verderben stossen. Unser Volk strebt nach Macht, nach Expansion; danach das Land, das uns vorbestimmt ist, zu bewachen. Meine Aufgabe ist es, das Volk zu vertreten und ihr Verlangen zu stillen. Also werde ich, zumal die Hellen jetzt und in den nächsten Wochen mit privaten Angelegenheiten wie der Hochzeit beschäftigt sein werden und mit allerhand anderem leidenschaftlichem Humbuck wie dem “Tag des einen Lichtes“, die Situation zu unseren Gunsten ausnutzen und den neuen fast Prinzen namens Astron entführen, anschliessend Lösegeld für ihn fordern in Form der Herrschaftsübergabe.“ Ich sah, wie sich ein offenes Lächeln auf Tenebras Gesicht stahl und empfand es zum ersten Mal bei ihr als natürlich. Diese Vorstellung liess mich erschaudern und ich musste mehrere Male heftig blinzeln, um meinen Kopf zu klären.

Ich wusste, dass in der Gastwirtschaft viele verruchte Leute zwielichtige Geschäfte abschlossen. Genauso viele, oftmals Wächter, kamen hierher, um zusammen zu saufen. Anders konnte man es nicht ausdrücken. Sie tranken Wein, bis sie sich an die Anzahl Gläser kaum mehr erinnern konnten, dabei tratschten sie und klagten über ihre harten Arbeitstage oder lästerten über ihre spiessigen Hausfrauen, die keinen Spass verstanden, wenn sie um Mitternacht nach Hause kamen und kein einziges Goldstück vom Arbeitstag mitbrachten. Ein familiäres Bild bot sich in meinem Kopf, das dieser oben geschilderten Situation ziemlich ähnlich kam. Vor meinem inneren Auge sah ich meine Mutter, wie sie stundenlang in der Küche auf meinen Vater wartete und mir immerzu versicherte, dass er auf dem Nachhauseweg zielstrebig unser Haus ansteuerte und keinesfalls einen Umweg machte, um einen Zwischenstopp im nächstgelegenen Wirtshaus einzulegen und sein ganzes Einkommen zu versaufen. Traurig erinnerte ich mich daran, dass sie seit einem Jahr keine Kraft mehr dazu hatte, weil sie ihre Krankheit vorangeschritten war. Also hatte ich ihren Job übernommen und meinen Vater gebeten, das Geld nach Hause zu bringen. Mehr als Ohrfeigen hatte ich dabei nicht erzielt.

Wie erwartet fand ich meinen Vater in seiner gewohnten, dunklen Ecke vor. Er sah schon ziemlich angetrunken aus. Seit mehreren Tagen hatte er sich nicht mehr rasiert. Ein Dreitagebart erstreckte sich unter seinen Augenringen und als er gerade mit einem Kumpel über einen Witz lachte, glänzten seine Zähne gelb aus seinem Mund hervor. Wir hatten uns auseinandergelebt und ich wechselte mit ihm gewöhnlich kaum mehr als zwei Sätze pro Tag. “Hallo Ater“ sagte ich. Ich konnte mich an keine Zeit erinnern, als ich meinen Vater nicht mit seinem Vornamen angesprochen hätte. Vielleicht hatte ich ihn als Kind Papa genannt, oder so was, aber das musste Jahre zurückliegen. Ich setzte mich auf einen knarrenden Stuhl meinem Vater gegenüber hin, während seine Kumpel immer noch grölten. Sie nervten mich. Ich blickte meinen Vater ernst an und er blieb erstaunlich ruhig für seine Verhältnisse. Normalerweise hätte er mich schon lange zusammengestaucht dafür, dass ich hier aufgekreuzt war. “Wir müssen reden“, sagte ich. Er erhob sich mühselig und kämpfte sich an seinen Kollegen vorbei zum Ausgang. Hinter der dicken Eichentüre blieb er stehen und seufzte tief. “Lass uns zurück nach Hause gehen. Ich bin noch nicht ganz nüchtern.“ Wir nahmen den Feldweg, der zu unserem Haus führte. Die paar Minuten verbrachten wir schweigend. Vor unserem Haus schöpfte ich Wasser vom Brunnen in einen Eimer und goss es kurzerhand über den Kopf meines Vaters. Dieser schrie auf und fluchte mit allen ihm bekannten, unschönen Wörtern. “Damit du wieder bei Sinnen bist“, rechtfertigte ich mein Tun und schmunzelte zufrieden vor mich hin.

Astron:

Ich sah mich um und fragte mich, wie ich in dieser Hölle hier gelandet war. Ungefähr 40 Leute sassen um einen grossen runden Tisch, redeten über Politik und warteten hungrig auf die erste Hauptspeise. Was mich aber wirklich nervös machte waren die fünf Fotografen, die im Hintergrund lauerten und hofften, irgendeinen guten Augenblick festzuhalten. Lumen, der rechts neben mir sass, machte das Ganze auch nicht besser. Mom sass natürlich neben Sol und anderen Senatoren. Die Senatoren waren wie die rechte Hand des Anführers. Es gab zwanzig von ihnen. Die anderen zwanzig Gäste waren irgendwelche Verwandte der Anführer Familie, die ich abgesehen von Lumen und Clara alle nicht kannte.  Links von mir sass der Onkel von Sol und er war mir eindeutig am sympathischsten. Als ich mich neben ihn gesetzt hatte, hatte er meine Hand so fest und lange geschüttelt, dass sie, wenn er noch fünf Sekunden länger weiter gemacht hätte, sicher abgefallen wäre. Dann hatte er sich als George vorgestellt und mir auf den Rücken geklopft. Als ich ihn ein paar Minuten später erwischt hatte, wie er alle kritisch gemustert hatte und die Nase gerümpft hatte, hatte er mir zu gemurmelt: „Glaub mir, wenn ich nicht hier sein müsste, wäre ich längst schon wieder abgehauen.“ Manchmal riss er einen Witz über Politiker oder Ähnliches und ich musste mich jedes Mal zusammenreissen nicht laut los zu prusten. Mehr hatte ich nicht mehr mit ihm gesprochen, weil er zu beschäftigt damit war, so viel Wein, wie es nur geht, zu trinken. Er hatte sicher schon alleine eine ganze Flasche teuren Wein runtergekippt. Also war ich mehr oder weniger gezwungen Smalltalk mit Lumen zu halten.

„Als was hast du schon wieder vorher gearbeitet?“, fragte er mich gerade und holte mich so wieder zurück in die Gegenwart. Ich verdrehte die Augen; ich wusste, dass er es ganz genau wusste.

„Als Elektriker“, antwortete ich ihm und drehte mich zu ihm. Wahrscheinlich wollte er mich wieder darauf hinweisen, dass er nie in seinem Leben so einen Job machen müsste.

„Ach da verdient man aber nicht so gut oder?“, fragte er mich und sah mich nun auch an. Er hatte wie immer arrogant eine Augenbraue hochgezogen.

„Naja für mich hat es gereicht“, erwiderte ich und konnte mir eine nicht so nette Bemerkung verkneifen.

„Wenn man keinen besseren Job bekommt, muss es ja.“

Bevor ich etwas zurückgiften konnte wurde ich von einem Kellner unterbrochen, der einen Teller vor mich hinstellte. Langsam senkte ich meinen Blick. Eigentlich wollte ich gar nicht sehen, was mir da vorgesetzt worden war und ich gleich runterwürgen musste. Etwas Glitschiges, das wie eine riesige Nacktschnecke aussah, sprang mir sofort ins Auge. Jetzt erst bemerkte ich die Schneckenhäuser, die daneben zur Dekoration standen…

Nein, das konnte nicht deren Ernst sein. Nebendran lagen dekorativ drei Spargeln und etwa ein Dutzend Dinkelnudeln. Das werde ich niemals essen! Die Nudeln (ohne irgendwelche Sauce!) und Spargeln waren ja noch in Ordnung aber diese Schnecke…Ich würde alles dafür geben, einfach mit Luc zum fast`n`fix zu gehen und zwei Burger zu verschlingen. Ich sah in die Runde und musste entsetzt feststellen, dass alle angefangen hatten diese ekligen Tiere zu essen.

„Ich dachte, es wäre ein anstrengender Job“, riss  mich Lumen schonwieder aus meinen Gedanken.  Ich sah wie er sich ein Stück Schnecke in den Mund steckte, als würde er es jeden Tag machen. Wieso wollte dieser Blödmann eigentlich die ganze Zeit mit mir reden?

„Ja ist es auch. Mich stört es eben nicht meine Hände schmutzig zu machen.“, zischte ich zurück und stopfte mir ein paar trockene Nudeln in den Mund.

„Aber viel gebracht hat es ja anscheinend trotzdem nicht“, gab er spöttisch zurück. Ich schob noch ein paar Nudeln nach, hob fragend eine Augenbraue und sah ihn genervt an. Anscheinend hatte er gemerkt, dass ich einen vollen Mund hatte und er keine weitere Antwort von mir bekam, denn er sprach weiter:

„Wenn es wirklich ein so anstrengender Job wäre, hättest du sicher mehr Muskeln und wärst nicht so schmächtig.“ Ich hielt in meiner Bewegung inne. Zorn loderte in mir auf. Eigentlich sollte mich das ja völlig kalt lassen. Der Idiot schwafelte doch sowieso immer nur Blödsinn. Was mich jedoch am meisten störte, war, dass er Recht hatte. Aber er war der Erste, der es so offen aussprach. ‚Der will dich nur provozieren‘, dachte ich und versuchte so zu tun, als ob er nie etwas gesagt hätte. Also schob ich die Spargel, die immer noch auf meiner Gabel lag, in meinen offenen Mund. Aus dem Augenwinkel nahm ich wahr, wie er spöttisch und überheblich grinste. Ich konnte es nicht verhindern zu fauchen:

„Weisst du, ich bevorzuge es in meiner Freizeit etwas zu tun, wo man Köpfchen braucht. Aber bei einem so hirnlosen Idiot wie dir, verwundert es mich nicht, dass du nur auf dein Aussehen achtest.“ Nun sahen wir uns gegenseitig in die Augen und seine hellgrünen Augen funkelten vor Wut. Ich war mir sicher, meine taten es auch.

Jemand räusperte sich. Ich und Lumen fuhren herum und erst jetzt bemerkte ich, dass alle verstummt waren und uns zwei ansahen. Mein Blick fiel auf Sol, der mich wütend anfunkelte. Mom sah mich ebenfalls an und sie wirkte enttäuscht. Der Typ neben Sol fing wieder an mit seinem  anderen Nachbar zu sprechen. Langsam wandten sich alle wieder ab und setzten ihre Unterhaltungen fort. Nur noch Mom und Sol sahen uns an. Zum Glück kamen schon wieder die Kellner rein und nahmen unsere Teller mit. Ich sandte ein grosses Dankeschön an den alten Herrn, dass er meine Schnecke unangerührt wieder mitnahm.

Ich griff gerade nach meinem Glas, als Lumen sagte: „Also bringt man euch im fünften Kreis keine Manieren bei?“ Ich seufzte und verdrehte die Augen. Der hatte es heute wirklich darauf angelegt mich zu provozieren.

„Was?“, gab ich gelangweilt zurück.

„Man isst alles, was auf dem Teller ist. Wahrscheinlich hattest du nicht einmal immer was auf dem Teller. Also wundert es mich eigentlich nicht gross“, meinte er besserwisserisch.

„Was interessiert es dich?“, zischte ich zurück. Dieses Mal hatte er vollkommen Unrecht. Wir hatten immer was zu essen. Mom war ja auch arbeiten, also so arm waren wir gar nicht gewesen.

Der nächste Teller wurde vor mich hingestellt und als ich sah, was darauf lag wurde mir schon schlecht. Lumen grinste mich höhnisch an und sagte: „Dann zeig mal deinen Manieren.“ Ich schluckte schwer denn ich wusste, das  würde unter diesen Umständen schwierig werden. Die vielen kleinen schwarzen konnte ich als Caviar identifizieren. Nebendran war ein Fischkopf, auf dem Dill zur Dekoration lag. Ich warf Lumen einen bösen Blick zu, der gerade ein paar Caviarstücke genüsslich in den Mund steckte. Also versuchte ich es ihm gleich zu machen, musste aber fürchterlich husten, weil dieser eklige Geschmack mich so überraschte und ich mich deshalb verschluckte. Kein sehr ehrwürdiger Auftritt.

Aus dem Augenwinkel nahm ich wahr, wie Lumen sich die Hand vor den Mund hielt und versuchte nicht laut los zu prusten. Anschliessend probierte ich die unförmigen schwarzen Dinger neben dem rohen Lachs am Tellerrand. „Was ist das eigentlich“, fragte ich kauend George. Dieser hatte seinen Teller noch kaum berührt und antwortete mir mit vollem Mund: „Trüffel. `ist sehr kostbar und wird von Bauern tagelang im Wals gesucht für besondere Anlässe.“ „Ein Pilz?“, fragte ich ungläubig und nippte an meinem Champagnerglas. Neben mir klingelte George mit einer Tischglocke und sofort kam ein Diener herbeigeeilt. „Nehmen Sie doch bitte unsere Teller zurück in die Küche. Wir werden von dem nichts weiter essen.“  Der Diener und ich blickten ihn ungläubig an. Nach wenigen Sekunden brach der Kellner die Stille und sagte: „Jawohl Sir. Soll ich ihnen etwas anders bringen?“ George verneinte und dankte dem Diener, der mit unseren Tellern verschwand. Ich warf Lumen einen siegessicheren Blick zu. Dieses Mal war ich es, der grinste und er funkelte mich böse an. Logisch, dass es ihm gar nicht gefiel, dass ich so einfach davon gekommen war.

„Glaube mir, ich werde dir das Leben hier zur Hölle machen.“ fauchte er mich an. Jetzt verging mir das Grinsen auch. Es klang nicht nur nach einer leeren Drohung und ich würde ihm das wirklich zutrauen. Also jetzt hatte ich wirklich genug! Ein alter Lehrer hatte mir immer gesagt man sollte sich immer wehren. Also stand ich auf, konnte es nicht verhindern, dass der Stuhl laut über den Boden kratzte und hatte jetzt die Aufmerksamkeit von Allen. Mehrere Kameras blitzten. Vom anderen Tischende blickten mich Sol und meine Mom entgeistert an. Ich machte eine extrem tiefe, total unnötige Verbeugung und sah zuerst Lumen, dann Sol an. Nachher verliess ich wortlos den Raum.